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Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit

Gedanken anlässlich der d14

Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit

Wie ich bereits berichtet habe, war ich vor kurzem in Kassel auf der documenta. Die Kunstschau ist riesig, sich alles anzuschauen ist beinahe unmöglich. Wenn man mich fragt, welches Kunstwerk mir am besten gefiel, ist die Antwort schwierig. Die Künstler haben viele interessante und wichtige Themen in ihren Exponaten verarbeitet. Aktuelle und mitunter brisante politische Themen haben seit jeher eine große Tradition bei der documenta – auch diesmal bei der d14.

Meinungsfreiheit und Kunstfreiheit – Gedanken anlässlich der d14

Wenn ich mich aber rigoros für ein Objekt entscheiden müsste, dann fiele meine Wahl auf eines der auffälligsten Werke: nämlich »Der Parthenon der Bücher« von Marta Minujín. Dieser findet sich auf dem Friedrichsplatz direkt vor den Museum Fridericianum, dem traditionellen Ausgangspunkt für die allermeisten Ausstellungsbesucher. Auch jeder andere, der in diesen Tagen dort vorbeikommt, wird das Werk kaum übersehen. Wer nicht nach Kassel kommt, der kann sich von dem »Parthenon der Bücher« im Netz einen Eindruck verschaffen.

Direkt am Museum Fridericianum

Genau an diesen zentralen Standort – so finde ich – gehört das Exponat hin. Sein Thema beinhaltet das Recht auf Meinungsfreiheit und folglich auch Kunstfreiheit. In Deutschland beides verbrieft durch Artikel 5 des Grundgesetzes. Um dem Stellenwert der Meinungsfreiheit Nachdruck zu geben, stellte die Künstlerin eine Nachbildung des Athener Parthenon (sprich dem Tempel auf der Athener Akropolis) auf den Friedrichsplatz. In Form eines Stahlgerüsts umhüllt mit mehreren Schichten von Klarsichtfolie. Die entstandenen Zwischenräume zu füllen, dazu sind die Leute aus dem Volk aufgerufen. Getan werden soll dies mit Büchern, die irgendwann und irgendwo auf dieser Welt verboten waren. Es wurde zu entsprechenden Buchspenden aufgerufen. Mittlerweile haben sich die Säulen der Folienfassade ordentlich gefüllt. Man findet dort politische Literatur wie »Animal Farm« oder »1984« von George Orwell. Aber auch Werke, bei denen es überhaupt nicht nachvollziehbar ist, warum diese irgendwo auf der schwarzen Liste landeten (Mark Twain oder sogar die Märchen der Gebrüder Grimm).“

Die Bücherverbrennung 1933 passierte in Kassel genau hier

Warum muss gerade der Friedrichsplatz für eine solche „Manifestation“ herhalten? Dort, so konnte ich erfahren, wurden in Kassel im Jahre 1933 von den Nationalsozialisten Bücher missliebiger Autoren verbrannt. Ebenso Werke mit regimekritischen oder suspekten Inhalten – oftmals an den Haaren herbeigezogen. Den bildenden Künstlern ereilte ein ähnliches Schicksal. Alles, was den Machthabern damals nicht ins Konzept passte, wurde nach und nach aus den Museen in Deutschland verbannt und zum Teil in Femeausstellungen als »Entartete Kunst« diffamiert. Viele Künstler und Schriftsteller verließen damals unser Land. Viele Lehrkräfte an den Hochschulen waren damals suspendiert worden.

Gegen Zensur und für demokratische Freiheiten

Und was hier an dieser Stelle gesagt werden muss: Das Deutsche Reich zwischen 1933 und 1945 war und ist nicht der einzige Staat, der sich solche Machenschaften anmaßte. In allen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang wurden die Rechte der Künstler bis zum Fall der Mauer 1989 mehr oder minder beschnitten. Auch in Spanien fiel während der Diktatur bis 1975 einiges unter den Zensurhammer. Selbst in offiziell demokratischen Staaten gab und gibt es in Einzelfällen – oftmals wegen moralischer Bedenken – Zensur.

Und last but not least kennt die Künstlerin Marta Minujín mit argentinischen Wurzeln dieses Problem auch aus ihrer Heimat nur zu gut. Auch dort war sie schon nach dem Zerfall der Militärdiktatur in den 80er Jahren auf ähnliche Weise wie nun in Kassel aktiv geworden. Den Buchspendern und den Besuchern der documenta ruft sie hiermit ihr Anliegen ins Gedächtnis:

!Meinungsfreiheit (und somit auch Kunstfreiheit) sind eben leider nicht selbstverständlich.

Diese Werte muss man immer wieder einmal deutlich in den Fokus rücken. Dieses Mal zeitlich begrenzt über die Dauer der d14. Danach wird abgebaut und diese einst verbotenen Bücher werden wieder unters Volk gebracht. Bleibt zu hoffen, dass sie auch gelesen werden. Jene Demokratie, die im antiken Athen ihren Ursprung hatte, kann in heutiger Zeit nur dann auf Dauer Bestand haben, wenn sich das Volk mit ihren Problemen befasst: durch kritische Auseinandersetzung mit Büchern und auch mit anderen Kunstwerken.

Warum ich den Büchertempel für das wichtigste Werk der Kassler Kunstschau halte

Nun, ohne jenes verbriefte Grundrecht der Meinungsfreiheit (und folglich der Kunstfreiheit) hätte vor über sechzig Jahren das Konzept der documenta nie entstehen können. Keine der bisher 14 documenta-Ausstellungen hätte jemals stattgefunden. Als Volk gestalten wir unser Land mit, daher müssen wir vernehmen dürfen, wo der Schuh drückt. Künstler aller Art, das sollten wir nie vergessen, führen uns dies immer wieder vor Augen. Leider müssen wir auch gerade in der heutigen Zeit mit ansehen, wie in zahlreichen Ländern der Erde diese elementaren Grundrechte mit Füßen getreten werden.

Eine Idee, zwei Orte

Dass die documenta diesmal an zwei Standorten ausgetragen wird bzw. wurde (in Athen wurden die Pforten ja bereits geschlossen), war vielleicht keine schlechte Idee. Gerade in einem Land, das mit finanziellen und sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, genau dort darf die Rolle der Künstler nicht unterschätzt werden. Ein Volk darf niemals unter der Last seiner Schwierigkeiten unmündig werden. Auch wir Deutschen haben eine Lehrstunde nötig. Wir hatten im letzten Jahrhundert gleich zwei Diktaturen. Manche scheinen dies schon vergessen zu haben.

Also, liebe Marta Minujín, ein ganz großes persönliches Lob für Ihr Engagement! Danke!

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Geri ist leidenschaftlicher Fotograf mit einem intensiven Blick für verborgene Details. Er arbeitet ausschließlich digital und zeigt seine Arbeiten u.a. auch bei 24notes.
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