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Nachtzug nach Lissabon

Nachtzug nach Lissabon

Ein Buch von Pascal Mercier, Taschenbuchausgabe, 495 Seiten, btb-Verlag 2006, 12. Auflage

Ein Ausbruch aus dem Leben. Daran hätte Gregorius nie gedacht. Und dennoch tut er genau dies. Eine portugiesische Unbekannte, die von der Berner Kirchenfeldbrücke zu springen droht, eine Telefonnummer, die mit einem Filzstift auf seine Stirn notiert wird – das wirft den biederen Gymnasiallehrer aus der Bahn. Er flieht aus dem Unterricht, sucht Zuflucht in einer Buchhandlung. Doch gerade hier fällt ihm ein Buch mit dem klingenden Titel »ein Goldschmid der Worte« in die Hand. Ein Buch von Amadeu Inácio de Almeida Prado.

Português

Obschon er des Portugiesischen nicht mächtig ist, vertieft sich Gregorius fasziniert in die philosophischen Schriften von Prado. Die Faszination reicht so weit, dass er in einem Nachtzug nach Lissabon fährt und Nachforschungen über Prado anstellt, als hinge sein Leben davon ab.

Die Angst vor dem Tod scheint Gregorius und Prado zu einen.

... jeder Moment könnte der letzte sein. Ohne die geringste Vorahnung, in vollkommener Unwissenheit, werde ich eine unsichtbare Wand durchschreiten, hinter der nichts ist, nicht einmal Dunkelheit ... Ist es nicht unlogisch, davor Angst zu haben, wo ich dieses plötzliche Erlöschen doch gar nicht mehr erleben werde und weiß, dass es sich so verhält.

Die Seite 100

Wenn ich Bücher auswähle, schlage ich immer die Seite 100 auf, um einen Eindruck über die Sprache und Spannung eines Buches zu gewinnen. Warum ich das mache und nach welchen Kriterien ich beim Bücherkauf vorgehe, habe ich in meinem Blogbeitrag Die Qual der Wahl – wie ich meine Bücher auswähle näher beschrieben. Doch bei diesem Buch wollte der Zufall es anders: vor ich es richtig merkte, hatte ich mich auf Seite 108 in den Text verfangen.

Das kann nicht sein, das ist unmöglich. Gregorius nahm die neue, federleichte Brille ab, rieb sich die Augen und setzte sie wieder auf. Es war möglich: Er sah besser als jemals zuvor. Das galt besonders für die obere Hälfte der Gläser, durch die er in die Welt hinausblickte. Die Dinge schienen ihn förmlich anzuspringen, es war, als drängten sie sich danach, seinen Blick auf sich zu ziehen.

Die neue Brille steht als Symbol für Gregorius‘ Ausbruch aus seiner gewohnten, beengten Welt. Seine Sicht reicht nun weiter, er ist offener und aufnahmebereiter – vor allem für das Leben und Leiden Prados. Gregorius als Person bleibt im Schatten.

Wir erfahren von Prados enger Freundschaft zu dem Apotheker O‘Kelly, die – weil beide dasselbe Mädchen lieben – zerbricht. Wir lesen von dem gespaltenen Verhältnis zu seinen Eltern und dem politischen Leben im Widerstand gegen die Diktatur von António de Oliveira Salazar.

Dazwischen setzt der Autor immer wieder Passagen aus dem (fiktiven) Buch Prados. Nachdenkliches, Philosophisches, Politisches.

Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen, und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: Welche kommen der Wahrheit näher?

?Lesenswert?

Eine bemüht wirkende Rahmenhandlung, die allein der Projektion für das Entblättern der Lebensgeschichte von Amadeu de Prado dient. Diese zur Ikone erhobenen Figur legt der Autor allerlei philosophische Weisheit in den Mund, welche die eigentliche Attraktion des Buches ausmacht.

Allerdings bleibt einiges offen: Was hatte es mit der Frau auf der Brücke auf sich und die Telefonnummer, die sie am Anfang auf Gregorius‘ Stirn schrieb? Wir erfahren es nie. Dennoch: Es bleibt ein lesenswertes Buch.

Peter Bieri, Professor für Philosophie, geboren am 23. 06.1944 in Bern schreibt unter dem Pseudonym Pascal Mercier.

Buchempfehlung*

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Autor, Fotograf, Blogger und Initiator von 24notes, dem Magazin für Literatur, Fotografie und der Kunst, das Leben zu verstehen.
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