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Kulturtipp

Lene Marie Fossen – Human

Fotoausstellung im Museum im Lagerhaus, Sankt Gallen (CH)

Lene Marie Fossen – Human

Das Werk der norwegischen Fotografin Lene Marie Fossen ist hierzulande (noch) weitgehend unbekannt. Die Fotografin setzt sich dabei hauptsächlich mit ihrer Anorexie auseinander, der Krankheit an der sie seit ihrem zehnten Lebensjahr gelitten hatte und an der sie 2019 im Alter von nur 33 Jahren starb. Eine Ausstellung über diese Künsterlin ist derzeit im Museum im Lagerhaus in Sankt Gallen (CH) zu sehen

Das Museum im Lagerhaus, Sankt Gallen (CH)

In dieser Kulturinstitution werden Wechselausstellungen von Kunstwerken psychisch Kranker gezeigt sog. Art brut. Vergleichbare Institutionen und auch entsprechende Ausstellungen findet man zwischenzeitlich erfreulicherweise vermehrt. Auch wenn hier vieles für den Laien befremdlich erscheint tragen diese erheblich dazu bei, das Tabu über psychischen Krankheiten ein gutes Stück weit zu brechen.

Fotokunst auf hohem Niveau

Lene Marie Fossen schuf Fotokunst auf höchstem Niveau und verstand sich in erster Linie als Künstlerin, die sich mit dem Thema Leiden generell auseinandersetzte, und nicht ausschließlich mit ihrer eigenen Erkrankung. Wenngleich diese in ihrem Schaffen stets eine zentrale Rolle einnahmen. Dabei ging es ihr auch darum, das Tabu zu brechen, das auch noch in der heutigen Zeit über dieser Krankheit hängt. Obwohl diese nicht selten tödlich verläuft.

The Self Portrait

Auf der griechischen Insel Chios (und zuhause in Norwegen) drehte sie zusammen mit den Regisseuren Margreth Olin, Katja Høgset und Espen Wallin Fossen einen Dokumentarfilm mit dem Titel „The Self Portrait“ der auf dem Münchener DOK.fest 2020 Premiere hatte. Wie vieles andere ging er aber aufgrund der Maßnahmen im Zuge der Corona Pandemie weitgehend in den „Wirren der Zeit“ unter. Nichtsdestotrotz: der Film wurde vergangenen Sommer auch im Bayerischen Fernsehen in der Reihe DoX gezeigt. Die Künstlerin zeigte dabei offen, in ästhetisch hochwertigen Aufnahmen ihren von der Krankheit gezeichneten Körper.

Auf Chios (Griechenland), in einem ehemaligen Lepra Krankenhaus entstanden außer oben erwähntem Dokumentarfilm auch die Fotos für das Buch „The Gatekeeper“ und die Ausstellung in Sankt Gallen. Außer ihrem Körper zeigt Lene Marie Fossen an dieser Stelle auch Bilder von Menschen, die vom Leid gezeichnet sind, wie etwa die Gesichter von auf Chios „gestrandeten“ Flüchtlingen.

Fotos, die unter die Haut gehen

Wie bereits erwähnt: trotz aller Ästhetik, keine leichte Kost. In keinster Weise voyeuristisch, so zeigen die Fotos doch schonungslos die Folgen der Anorexie, mit der die Fotografin de facto zeitlebens zu kämpfen hatte. Die Ausgezehrtheit eines Frauenkörpers, ein um Jahrzehnte gealtertes Gesicht. Berührend und schockierend zugleich!

Statement

Es stellt sich die Frage: sollte so etwas eigentlich wirklich in einer Ausstellung gezeigt werden? Verletzt so etwas nicht die Intimität eines Menschen? Oder vielleicht sogar: machen solche Bilder nicht noch mehr Angst vor Krankheiten wie der Magersucht, könnte so etwas nicht sogar das Tabu noch verstärken, weil die Bilder abschreckend wirken?

Ich möchte hier deutlich sagen: ja, die Bilder gehen unter die Haut! Man fragt sich dabei: hätte denn niemand dieser Frau helfen können?

Der Film „The Self Portrait“, der begleitend in der Ausstellung gezeigt wird versucht sich diesen Fragen anzunähern. Er zeigt auch, wie ihre Mitarbeiter mit Lene Marie umgehen – nämlich auf Augenhöhe und mit Respekt! Und bereits wenige Minuten nach dem Betreten der Ausstellung dürfte jedem klar sein: nein, die Würde dieser Fotografin wurde an keiner Stelle verletzt. Ganz im Gegenteil!

Offenlassen möchte ich, ob es für selbst von Anorexie Betroffene im Einzelfall sinnvoll sein kann, die Ausstellung vielleicht mit Begleitung zu besuchen…aus dem Familien- oder Freundeskreis. Oder: wäre vielleicht ein Besuch mit therapeutischer Begleitung sogar hilfreich? Ich, der selbst kein Therapeut ist kann und will hier kein abschließendes Urteil ablegen.

Ich halte es aber für extrem wichtig, dass gerade auch diese Art von seelischer Krankheit aus der Tabuzone herauskommt…, wenn man das in der heutigen Zeit so populäre Schlagwort „Leben retten“ ernst nimmt! Die Krankheit endet recht häufig tödlich, Lene Marie Fossen ist bei weitem nicht die Einzige, die die Krankheit nicht überlebt hat! Und darum kann ich von meinem Standpunkt aus eine solche Ausstellung – einschließlich dem Dokumentarfilm – nur mehr als befürworten!

…noch bis Februar 2023

Zu sehen ist diese sehr sehenswerte Ausstellung noch bis Ende Februar 2023 im Museum im Lagerhaus in Sankt Gallen. Nähere Informationen findet man auf der Homepage des Museums. Wer es zeitlich einrichten kann, der nehme sich am besten einen ganzen Nachmittag Zeit: es lohnt sich sehr, den gesamten Film, der hier begleitend gezeigt wird anzusehen. Die Ausstellung selbst ist in einer knappen Stunde zu bewältigen

KörperBilder

…eine zweite temporäre Ausstellung befasst sich mit einem verwandten Thema: „Körperbilder“. Bilder aus der Sammlung der Stiftung. Nebenbei bemerkt: das Museum verfügt über eine Sammlung von über 27.000 Werken von rund 360 Kunstschaffenden. Wer näheres über das Museum erfahren möchte, dem sei die Website des Museums im Lagerhaus in Sankt Gallen ans Herz gelegt!

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