Die Wirklichkeit ist mehr... - 24notes
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Die Wirklichkeit ist mehr…

Philosophie auf 24notes

Die Wirklichkeit ist mehr…

Die Wirklichkeit ist mehr als 3 D, 4 K oder Social Media

 

-Wirklichkeit, was ist das überhaupt?-

 

Der Begriff „Wirklichkeit“ gehört in die Philosophie, Psychologie und Soziologie. „Wirklichkeit“ stammt ursprünglich aus dem Mittelhochdeutschen „würke(n)lich, würklich“ im Sinne von „tätig“, „wirksam“. Das deutsche Substantiv „Wirklichkeit“  wurde von Meister Eckhart (1260 bis 1328) als Übersetzung vom lateinischen Begriff „actualitas“ geprägt. In dieser Begrifflichkeit ist neben der Handlung (actus) auch der Bezug zur Gegenwart und zeitlichen Nähe enthalten. Alltagssprachlich meint das Adjektiv »wirklich«, dass etwas in einer nicht mehr bezweifelbaren Form als „tatsächlich“ genommen werden kann oder auch nachprüfbar „wahr“ ist.

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Die Frage, was „Wirklichkeit“ sein soll, ob der Mensch also die „Wirklichkeit“ grundsätzlich erkennen kann oder ob es nur eine durch die Kultur und Gesellschaft, in der man lebt, bedingte Form von Wirklichkeitsbewusstsein gibt, beschäftigte die Philosophie schon sehr lange. Gegenbegriffe zu „Wirklichkeit“ sind  in der Philosophie „TraumSchein“ oder „Phantasie“. In der Philosophie unterscheidet man zudem nach der Art  des  Seins  zwischen „Wirklichkeit“, also der „bloßen“ Möglichkeit, die nicht verwirklicht, nicht realisiert ist, und der „Notwendigkeit“. Eine „Wirklichkeit“, die nicht notwendig ist, ist laut der Philosophie „kontingent“ (= zufällig), d. h. es wäre auch möglich gewesen, dass diese bestimmte „Wirklichkeit“ so nicht eingetreten wäre. „Wirklichkeit“ umfasst also sowohl „Kontingentes“ (= Zufälliges, Beliebiges, nicht Notwendiges, Wirkliches oder Mögliches) als auch „Notwendiges“ (= Gegensatz zum Begriff „kontingent“). Was wir Menschen für „wirklich“ halten, ist heute zunehmend das Ergebnis einer Vermittlung durch die Massenmedien (Radio, TV, Internet, Social Media, Zeitungen u.a.). „Wirklichkeit“ konstituiert sich aus dem, was die Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen / Tasten, Temperatursinn, Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn) an Informationen geben. Alle arbeiten in irgendeiner Form zusammen und verknüpfen ihre Informationen schließlich im Gehirn. Da jeder Mensch mit diesen Sinnen anders empfindet und wahrnimmt, ist für jeden Menschen die sinnesmäßige „Wirklichkeit“ eine andere.

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„Wirklichkeit“ wird daher heute meistens im Plural verwendet. Sie kann man dann verschiedene „gesellschaftliche“, „soziale“ o.a. „Wirklichkeiten“ schaffen. Oft wird zwischen „Wirklichkeit“ und „Realität“ aber nicht differenziert. Es gibt aber Begriffsverwendungen, in denen mit dem Begriff „Wirklichkeit“ eine Realität gemeint ist, die auf Dinge eingeschränkt ist, die eine Wirkung haben oder ausüben können, also physikalische Gegenstände, d.h. dass nach dieser Unterscheidung z.B. Zahlen oder wissenschaftliche Theorien zwar Bestandteil der „Realität“, aber nicht der „Wirklichkeit“ sind. Sie besitzen somit eine eigene Art von Existenz, die ihre „Realität“ unabhängig davon macht, ob jemand an sie denkt, in und mit ihr lebt und arbeitet oder nicht.

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Es gibt in der Philosophie auch die gegenteilige Auffassung, nämlich die, dass alle Gegenstände der Erkenntnis (also auch die s.g. „Wirklichkeit“) nur gedankliche Konstruktionen sind und dass der Mensch nicht erkennen kann, ob es diese Gegenstände überhaupt „wirklich“ gibt oder wie diese Gegenstände wirklich beschaffen sind. Eine wichtige Rolle in der Diskussion spielt die Frage, inwieweit „Wirklichkeit“ der menschlichen Erkenntnis überhaupt zugänglich und möglich ist und ob dieser Zugang bloß abhängig von vorhandenen (sprachlichen) Begriffen, Theorien und technischen Möglichkeiten ist. Wenn das so wäre, wären wahre Aussagen über die „Wirklichkeit“ nicht möglich bzw. hingen immer von einer Theorie und deren sprachlichen Begrifflichkeiten ab.

Quellen:

https://brockhaus.de/ecs/enzy/article/wirklichkeit,

https://de.wikipedia.org/wiki/Wirklichkeit,

https://www.wortbedeutung.info/kontingent

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Überträgt man das auf die folgenden Fotografien, könnten sich solche „Wirklichkeiten“, besser Wirklichkeits-Sichten, die sich in Meinungen / Einstellungen / Handlungen eines Menschen spiegeln, zeigen:

Wirklichkeit 1: Gibt es etwa politische Häftlinge in der Welt? => Die Frage zeigt Unglauben, Unwissenheit, Desinteresse an politischen Zuständen und den Inhaftierten => durch die verschiedenen Medien entsteht ein Zustand der Ablenkung von der erlebten Wirklichkeit im Berufsleben, das in unkritischem Medienkonsum, Alkohol- und übermäßigen Nahrungskonsum ausarten kann.

Wirklichkeit 2: Natürlich gibt es politische Häftlinge. In Diktaturen wie China, Nordkorea, Russland, Weiß-Russland u.a; Staaten => Es handelt sich um eine soziale, politische oder gesellschaftliche Wirklichkeit der jeweiligen Staaten, da sie ihr politisches System stabilisieren und politisch Andersdenkende als Gefahr inhaftieren oder sogar ausschalten. Es zeigt sich in diesem Wirklichkeitsverständnis auch etwas Zufälliges („Kontingentes“), denn die politisch Inhaftierten sind nicht notwendigerweise Staatsfeinde, sie wurden verhaftet, weil ihre Wirklichkeit (definiert durch Freiheit vor Unterdrückung, Meinungs- und Versammlungsfreiheit u.a. Grundrechte) nicht mit der machtpolitischen Wirklichkeit des Staates übereinstimmt.

Wirklichkeit 3: Es gibt auch in westlichen Demokratien politische Gefangene (z, B. inhaftierte Terroristen, die politisch oder ideologische motiviert gegen das System handeln), => Demokraten, die für eine politische und ideologische Auseinandersetzung mit den Terroristen, ihren Motiven und Ideologien plädieren, üben somit Kritik an der politischen Wirklichkeit des demokratischen Staates, in dem sie leben. Sie plädieren für Konsens durch Überzeugungsarbeit und Abschwören der Gewalt. Die Terroristen halten ihrerseits die Waffengewalt und Taten gegen den Staat für notwendig, also für wirklich. Insofern baut ihr Verständnis von Wirklichkeit auf einer Theorie / Ideologie auf, die anders ist als die Wirklichkeit der kritischen Demokraten.

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Wirklichkeit 1: Massentierhaltung ist kein Problem. => Diese Wirklichkeit zeigt keinerlei Reflexion. Vielmehr macht sich derjenige keine Gedanken über die oft schlimmen Bedingungen, unter denen Tiere in der Massenhaltung leben müssen, sie haben zu wenig Platz für sich, werden in engen Ställen oder Käfigen gehalten und können sich nicht frei bewegen. Sie werden mit Antibiotika und anderen Medikamenten behandelt, um massenhafte Erkrankungen zu verhindern. Diese Wirklichkeits-Sicht zeigt, dass es vielmehr um billige Fleischprodukte und den billigen Nahrungskonsum geht.

Wirklichkeit 2:  Massentierhaltung ist grausam. => Die Tiere haben zu wenig Platz für sich, werden in engen Ställen oder Käfigen gehalten und können sich nicht frei bewegen, werden zudem oft mit Antibiotika behandelt, um sich nicht gegenseitig zu infizieren, ihre vielen Exkremente belasten in Gülle und Mist die Natur, die Umwelt und das Klima durch hohe Nitrat-, CO2- und Ozonwerte. Massentierhaltung ist ein weltweites Problem für die Tiere, die Umwelt und das Klima.

Wirklichkeit 3: ?

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Wirklichkeit 1: Ich bin kein Voyeur. => Unser visueller und akustischer Sinn leitet uns oft unbewusst, führt dazu, dass wir uns Unfallorte, Katastrophen u.a. anschauen, statt zu helfen oder Hilfe zu rufen. Bekannt ist besonders das unkritische, menschenverachtende und ethisch nicht zu rechtfertigende Fotografieren von Unfallopfern mit dem Handy und das anschließende Teilen dieser Fotos. Das Medium Smartphone / Handy schafft eine Distanz zwischen der Unfall-Wirklichkeit und dem Fotografierenden, der eine andere Art der Realität wahrnimmt, die ein Streben nach Anerkennung / Klicks in der Sozialen Medien und damit Anerkennung ist. Er fühlt sich in seiner (digitalen) Wirklichkeit gut. Oft werden für diese Fotos auch Hilfskräfte behindert und sogar angepöbelt, nur um eine „gutes“ Sensationsfoto zu bekommen und sich in der digitalen Wirklichkeit zu profilieren. Hier zeigen sich fehlende Selbstreflexion, fehlende ethische Maßstäbe, fehlendes Mitgefühl mit Opfern, Egoismus und Sensationsgier. Klicks im Internet sind diesem Voyeur wichtiger als das konkrete Schicksal des Betroffenen. Insofern ist diese Wirklichkeit kontingent, da sie nicht notwendigerweise so existieren muss. Voyeurismus wohnt offenbar jedem Menschen in unterschiedlich starker Ausprägung inne.

Wirklichkeit 2: ?

Wirklichkeit 3: ?

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Wirklichkeit 1: Corona ist nicht schlimmer als eine Grippe. => ?

Wirklichkeit 2: ?

Wirklichkeit 3: ?

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Wirklichkeit 1: Meinungsfreiheit gilt überall. => ?

Wirklichkeit 2: ?

Wirklichkeit 3: ?

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Wirklichkeit 1: Allen Kindern in Deutschland geht es gut. =>

Wirklichkeit 2: ?

Wirklichkeit 3: ?

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Wirklichkeit 1: Alle Chinesen gehorchen ihrer Regierung. => ?

Wirklichkeit 2: ?

Wirklichkeit 3: ?

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All diese Fotografien und dazu angefügten „Wirklichkeiten“ bzw. „Wirklichkeits“-Sichten zeigen erhebliche Unterschiede auf, die mit den oben dargelegten theoretischen Ausführungen zum Begriff „Wirklichkeit“ überprüft und erklärt werden können. Die ? können den Leser animieren, seine „Wirklichkeit“ zu dem jeweiligen Foto zu formulieren und ggf. kritisch zu beleuchten.

Geradezu greifbar wurde die Diskussion um die „richtige“ Wirklichkeit in der Ära des abgewählten US-Präsidenten Trump, der sich daran gemacht hat, durch Fake-News, Verschwörungstheorien und Diffamierungen in Presse, TV und vor allem im sozialen Medium Twitter eine andere „Wirklichkeit“ zu schaffen, eine Wirklichkeit, die ihm half, seine persönlichen und politischen Ziele durchzusetzen, seine „Wirklichkeit“ zu verbreiten und damit Menschen zu manipulieren, sogar so weit, dass sie Gewalt gegen Andersdenkende und Andersrassige anwandten und sogar mit dem Sturm auf das Kapitol einen Anschlag auf die US-Demokratie durchführten.

 

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