Fotopoetry - 24notes
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Fotopoetry

Fotopoetry zur Corona Krise

Fotopoetry

n°1  Corona-Tagebuch, 5.4.2020, Palmsonntag

Santana rotiert mit 33 rpm. Im hinteren Winkel der Seele kauert eine kleine Traurigkeit. Ich setze die Sonnenbrille auf und bleibe cool…
Social distancing ist nicht nur das Gebot der Stunde, Distanz ist auch Luxus. Sagt die Philosophin Svenja Flaßpöhler. Ein Freiraum um den eigenen Körper herum. Nicht aufeinander hocken zu müssen, nicht aneinander kleben wie in Indien oder den Slums von Bogota. Diese erzwungene Nähe in den Flüchtlingsunterkünften. Nicht auszudenken, wenn hier der Virus ausbricht.
Allein in meiner 2-Raum-Wohnung – welche Freiheit! Bei Sonnenuntergang ins Bett gehen, um 3 Uhr nachts frühstücken, bis mittags im verschmuddelten Schlafanzug rumhängen. Leben im Homeoffice. Keiner meckert, keiner will was, keiner stört die eigenen Kreise.
Wenn ich es dann satt habe, nur um mich selbst zu kreisen, greife ich zum Smartphone. Ich hänge am iPhone wie an der Nabelschnur. Noch vor gar nicht langer Zeit habe ich den melodischen Klingelton oft als Zumutung empfunden, jetzt renne ich quer durch die Wohnung zum Gerät. „Schön, dass du anrufst!“ Diesen Ausspruch hört man in diesen Tagen öfter. Da geht es allen Corona-Geschädigten gleich: Zuviel Freiheit macht einsam.

Eva Strasser

n°2  Auf der Suche nach der verlorenen Freiheit

„Ich muss dringend mal weg hier“, denke ich, als ich aufwache. Jetzt beobachte ich einen Grashüpfer, der auf einer Alpenrose sitzt.

„Dringend mal weg“. Oberhalb der Baumgrenze glaube ich ein Zittern der Felsen zu bemerken. Ich nehme die Sonnenbrille ab und mir wird klar, dass es das Flirren der Farne, Enzian, Silberwurzeln in der grellen Sonne ist. Wenn ich das aufschreiben würde, wäre es das Plätschern der Blumen und Gräser.

„Dringend mal weg“ meint aber nicht nur Flucht und Verschwinden oder ein sich Auflösen im Hier und Jetzt. Es meint auch ein hin und darauf zu. So folge ich dem Grashüpfer die nächsten zwei Meter, von Pflanze zu Pflanze, von Stein zu Stein.

FREIHEIT. NICHT MEHR. ALS TUN.

Als der Himmel sich zu verdunkeln beginnt, hole ich Stift und Papier hervor. Ich klettere auf einen Felsvorsprung, und, während die Sterne vor meinen Augen explodieren, schreibe ich:

NICHT WORTLOS. AUF DEN GRUND. SINKEN.

Wolfgang S.

n°3 Aufgegeben

Wozu wollen wir in Freiheit leben
aus guten Gründen haben wir sie aufgegeben
wenn der Staat etwas für Sicherheit
und für Gesundheit tut
dann schützt er doch nur unser höchstes Gut

Auf los
drum machen wir alle mit
marschieren wir alle im gleichen Schritt
wir brauchen kein Denken
brauchen nur die Tat
es schütze uns der
totale Überwachungsstaat!

Mit Spielereien verdrängt mancher seine Sorgen
was draußen wirklich passiert das bleibt uns verborgen
wir haben uns von der Realität entfernt
und das selbstständige Denken total verlernt

Jetzt bleibt auf dem Teppich, aber wirklich mal echt
Freiheit ist kein Luxus, sondern verbrieftes Recht
ein Grundbedürfnis wird hier übersehen
was muss in diesem Irrenhaus denn noch geschehen?

Aufgegeben habe ich momentan noch nicht
wir müssen wieder denken
dann sehen wir am Ende des Tunnels das Licht

Geri Barreti

 

 

24notes bedankt sich bei unseren Gastautoren Eva Strasser und Wolfgang S. für die wunderbaren Beiträge!

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1 Comment
  • Wilhelm Heim
    Posted at 12:27h, 10 Mai Antworten

    Das Gedicht von Gericht trifft den Nabel der Zeit und greift die Situation der Grundrechtsbeschränkung durch den föderalen Staat in der Bedrohungslage durch den Covid19Virus auf.
    Man hört die mahnende Stimme an das Volk, das hier mit dem Mengenwort „alle“ angesprochen wird, das lyrische Ich schließt sich in der ersten Person Plural an: Wir alle!
    Die verwendeten Paareime unterstützen die fröhliche Gedankenlosigkeit, mit der wir unreflektiert staatliche Maßnahmen akzeptieren und Freiheitsrechte aufgeben. Ich hätte mir in der Form jedoch mehr Konsequenz gewünscht.
    Die Aussagen, die Geri hier in Reimform packt, sind nachvollziehbar für jeden, der sich in und außerhalb des Geschehens befindet. In der Sache sind diese mir auch für Lyrik zu allaussagend und allgemein: Es gibt eine kritische Presse, Meinungsfreiheit etc. Aber auch Menschen, die reflektiert den Schutz des eigenen Lebens wünschen und dafür die Einschränkung der Bewegungsfreiheit für eine gewisse Zeit hinnehmen.

    Beste Grüße, Wilhelm Heim

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