Land_Scope - 24notes
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Land_Scope

Fotoausstellung

Land_Scope

ACHTUNG: Ausstellung verlängert bis 26.05.2019!

Das Stadtmuseum München am Jakobsplatz, genauer gesagt das Fotomuseum im Stadtmuseum ist eine der interessantesten Institutionen für Freunde künstlerischer Fotografie. Nicht nur in München, sondern meiner Meinung nach zumindest in ganz Süddeutschland. Hier gibt es Wechselausstellungen zu allen Genres der Kunstfotografie. Im Lauf der Jahre habe ich dort inzwischen schon ein gutes Dutzend verschiedener Fotoausstellungen gesehen – von Arbeiten von Pionieren der Fotografie bis hin zu den skurrilsten Blüten der experimentellen Digitalfotografie. Gefallen oder Nichtgefallen ist, wie bei Kunst allgemein, auch auf dem Gebiet der Fotografie eine Bauchsache. Und somit haben mich hier manche Ausstellungen mehr, andere wiederum weniger angesprochen. Keiner meiner Besuche hier aber war ein Reinfall. Land_Scope (ein Kunstwort hergeleitet aus dem englischen Wort „landscape“) fand ich persönlich als eine der interessanteste Ausstellung dort.

Der Titel Land_Scope

Seit 30.November vergangenen Jahres findet dort eine Ausstellung mit dem Titel „LAND_SCOPE – Fotoarbeiten von Roni Horn bis Thomas Ruff“ aus der DZ BANK Kunstsammlung statt. Als erstes eine Erklärung des Titels. Das Kunstwort „Land_Scope“ wird abgeleitet aus dem englischen Wort für Landschaft „landscape“, wobei in der zweiten Wortsilbe der Buchstabe „a“ durch ein „o“ ersetzt wird. Wir erhalten das Wort „scope“, welches in diesem Zusammenhang hier wohl am ehesten mit „Bereich“ oder „Betätigungsfeld“ übersetzt werden kann. Frei übersetzt könnte man in etwa den Titel „Das Spektrum der Landschaftsfotografie“ nehmen. Genau das finden wir hier jedenfalls in der Ausstellung: die spannenden Resultate der Disziplin „Landschaftsfotografie“ – unterteilt in sieben Bereiche: Ideallandschaften, Wüstungen, Politische Territorien, Landschaft als Konzept, Formkräfte der Natur, Agrarlandschaften und Digitale Landschaften.

Keine Postkartenidylle

Es geht hier nicht um gewöhnliche Landschaftsmalerei und schon gar nicht um Postkartenidylle. Auch wenn eine ganze Reihe der Bilder ästhetisch gesehen sehr hochwertig sind, so geht es hier den Fotografen in erster Linie um andere Dinge. Die hier zu sehenden zeitgenössischen Fotografien sind durchweg hintergründig,

Die Fotografen der Bilder wollen u.a. damit der Frage nachgehen, wie und durch was oder wen in eine Landschaft eingegriffen werden kann. Als erstes denken wir an große Naturgewalten wie Vulkanausbrüche, Gletscherfluss oder Unwetter. Die Landschaft gestalten aber auch weit weniger spektakuläre Natureinflüsse: wie das Wetter, die Tages- und Jahreszeiten. Dies zeigen z.B. die still anmutenden Fotos der Amerikanerin Lucinda Devlin am Huronsee, fotografiert an verschiedenen Tagen während unterschiedlicher Jahreszeiten und Witterungsbedingungen.

Es gibt aber noch einen Faktor, der mitunter auf nachhaltigere und oft auch verheerendere Weise in eine Landschaft eingreifen kann: der Mensch. Dies gilt allem voran für die Bilder aus den Bereichen „Wüstungen“ und „Agrarlandschaften“. Durch Ausbeutung der Bodenschätze greift der Mensch ebenso in die Landschaft ein wie durch das Schaffen landwirtschaftlicher Nutzflächen. Deutlich wird dies u.a. bei den Großfotos der deutschen Fotografin Inge Rambow von den verlassenen Braunkohlegruben in den neuen Bundesländern nach der Wende.

Agrarlandschaften

Auch auf dem Gebiet der Landwirtschaft greift der Mensch nachhaltig in die Landschaft ein, wie praktisch alle im Bereich „Agrarlandschaften“ gezeigte Fotografien mehr oder weniger demonstrieren. Vor allem zeigen die Bilder dieser Sektion, dass das vielfach gepriesene heitere und unbeschwerte Landleben nichts Weiteres ist als ein Mythos.

Schließlich greift der Mensch nicht nur bei seiner Arbeit, sondern auch durch seine Freizeitgewohnheiten in die Natur ein. Am Beispiel des Freizeitvergnügens Skifahren demonstriert dies der in Südtirol ansässige Fotograf Walter Niedermayr mit seinen Bildern aus den italienischen Dolomiten sehr anschaulich.

Fotografie und Widergabe der Wirklichkeit

Zeitgenössische Landschaftsfotografie kann auch einen dokumentarischen Zweck verfolgen.

Dokumentiert werden können an dieser Stelle zum Beispiel die Spuren kriegerischer Auseinandersetzungen oder auch Umweltkatastrophen. Ein Foto allein aber ohne zusätzliche Informationen, insbesondere auch Ort und Zeitpunkt der Aufnahme, liefert aber noch keinen brauchbaren Beweis. Nach einer gewissen Zeit sieht man nicht mehr was in einem bestimmten Landstrich geschehen ist. Die Fotos von Andrej Krementschouk zeigen, dass selbst über Katastrophen wie dem Reaktorunfall in Tschernobyl die Natur letztlich wieder als Sieger hervorgeht. Zumindest der erste Blick lässt dies vermuten. Auch über die Schlachtfelder lang vergangener Kriege wächst buchstäblich Gras. Sogar dann, wenn unter der Oberfläche noch Munitionsreste, oder gar noch Blindgänger lauern. Radioaktiv verseucht ist die Gegend um den Unfallreaktor allerdings noch immer. Wir sehen an diesem Beispiel: Fotoaufnahmen geben oftmals nur eine Teilwirklichkeit wider.

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Fotografie und Kunst

Ist Fotografie eigentlich Kunst? Ich persönlich meine ja. Auch hier findet ein schöpferischer Prozess statt. Aber es scheiden sich noch immer die Geister darüber. „Das kann doch jeder mit der Smartfonkamera“, so hört man häufig. Klar, nicht jedes Familien- oder Urlaubsfoto erhebt direkt einen künstlerischen Anspruch. Ich selbst allerdings sehe gleich mehrere Argumente, warum ich Fotografie grundsätzlich für eine Kunstdisziplin halte. Unser deutsches Grundgesetz lässt bewusst offen, was als Kunst gilt und was nicht, und das ist auch gut so. Die dadurch garantierte Kunstfreiheit ist nichts Weiteres als eine Unterform der Meinungsfreiheit. Fotografie kann Dinge sichtbar machen, einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit präsentieren, der von der Mehrheit unserer Zeitgenossen übersehen wird. Auch mit Fotografie kann etwas ausgedrückt werden, genauso wie durch ein gemaltes Bild. Gerade hier in der Ausstellung finden wir zahlreiche Beispiele.

Dokumentarische Fotos können zu Kunstwerken verarbeitet werden. Eben durch die Form, wie sie präsentiert werden. Zwei solcher Beispiele finden wir hier: über das Wesen und das Scheitern des Systems der ehemaligen DDR. In Form von Bildserien präsentieren hier die Fotografen hintergründige Gesamtkunstwerke.

Interessant ist an dieser Stelle auch die vierteilige Bildserie des Franzosen Jean Le Gac: „Où est le peintre?“ – sprich wo bleibt der Maler? Vier alte Analogkameras auf Stativen justiert. In ursprünglichen Landschaften, wo sich gestresste Städter einst am Wochenende erholten. Aber wo sind denn diese Szenerien geblieben, so wie sie Claude Monet anno Dazumal auf seinen Gemälden verewigte? Hat hier etwa die Fotografie den Maler abgelöst? Oder interessiert sich sich gar niemand mehr für diese Szenen in der Natur? Der Künstler ist übrigens nicht nur Fotograf, sondern auch Maler und Konzeptkünstler.

Digital Art

Schließlich gibt es in der heutigen Zeit auch die sogenannte Digitale Kunst. Mittels Bildbearbeitung am Computer lassen sich heute Landschaften herbeizaubern, die in Wirklichkeit überhaupt nicht existieren. Die 3D Technik mit den rot-grünen Brillen präsentiert uns Illusionen, die das ursprüngliche Bild gar nicht zeigt, so wie das „dreidimensionale“ Foto von der Marsoberfläche, welches der Künstler Thomas Ruff hier nicht selbst aufgenommen, sondern nur verarbeitet hat.

Wo ist also Fotografie Kunst? Beispiele gibt es in der Ausstellung noch zahlreiche weitere. Und sehr viele noch darüber hinaus. Meine persönliche Schlussfolgerung: wer bisher nicht glaubte, dass Fotografie Kunst ist, der wird gerade in dieser Ausstellung eines besseren belehrt.

Bekannte Künstler

Namen sehr bekannter Fotografen finden wir hier zahlreiche. Roni Horn, Zoe Leonhard, Axel Hütte, Peter Keetmann, Thomas Ruff sind nur einige wenige Beispiele dafür. Begleitend zur Ausstellung gibt es auch einen Katalog.

Zu sehen ist das ganze noch bis 31. März 2019 im Stadtmuseum München. Geöffnet täglich außer Montag von 10 – 18 Uhr.

NACHTRAG: Die Ausstellung wurde verlängert bis zum 26.Mai 2019.

Homepage Stadtmuseum München

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