So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein - 24notes
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Buchtipp

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

von Christoph Schlingensief

So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein

„So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ von Christoph Schlingensief, erschienen 2009 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Als genehmigte Taschenbuchausgabe im November 2010, btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Kurzer Vorgedanke

Vor kurzem hatten wir wieder den Aschermittwoch. Punkt, Aus, Schluss! Alle Jahre wieder dieser Paukenschlag. In der katholischen Kirche gibt es an diesem Tag den Brauch, dass der Priester den Gläubigen ein Aschekreuz auf die Stirn zeichnet. Als Erinnerung an die eigene Sterblichkeit. Kein schöner Gedanke, aber sollte man ihn wirklich verdrängen? Ich meine nicht, denn es trifft eines Tages jeden, so sicher wie das Amen in der Kirche. Vor einiger Zeit hatte ich über dieses Thema auch ein Buch gelesen: „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“, von Christoph Schlingensief. Ein Tagebuch einer Krebserkrankung, in dem der Autor viel über das Leben und den Tod nachdenkt. Allem voran aber beschäftigt er sich mit der Frage: „Was zählt im Leben wirklich?“

Nachdenken über das Leben…

Mehr als zwanzig Jahre lang hatte er kein Blatt vor den Mund genommen und ebenso viele Jahre währte seine Karriere als Anarchist. Im besten Alter von 47 Jahren erhielt Christoph Schlingensief dann im Jahr 2008 die Diagnose Lungenkrebs. Der Autor schreibt recht ausführlich darüber wie alles begann, von der aufwändigen Diagnosestellung, der Operation sowie der darauffolgenden Chemo- und Strahlentherapie. Mit Fokus auf die Ängste und Emotionen, der Berg- und Talfahrten die eine solche Hiobsbotschaft mit sich bringt. Er lässt es aber dabei nicht bei Oberflächlichkeiten. Bei sämtlichen Aspekten geht der Autor in die Tiefe. Angefangen bei der Frage, wie man trotz einer solch schweren Diagnose der übermächtigen Maschinerie der Medizin gegenüber ein freier Mensch bleiben kann. Dabei stellt der Autor fest, dass es durchaus Ärzte und Kliniken gibt, die den Patienten nicht einfach in ein Raster pressen. Sondern die den ganzen Menschen sehen, und dabei trotzdem der Schulmedizin nicht blindlings eine Absage erteilen.

…und über das Sterben

Wer die Diagnose Krebs gestellt bekommt, der setzt sich zwangsläufig mit seinem Ableben und dem Tod auseinander. Dabei hadert der christlich geprägte Schlingensief mit Gott, Jesus und Maria nicht zu knapp, strebt aber soweit es ihm möglich erscheint gleichzeitig nach Aussöhnung. Zeitweise sucht er im Glauben auch eine Stütze auf seinem Weg, den er nun eben gehen muss. Auch wenn er summa summarum stark daran hängt, weiterleben zu können. Trotzdem sieht er gleichzeitig ein, dass es falsch ist, den Tod aus unserem Leben komplett zu verdrängen, so wie es in weiten Teilen der Gesellschaft der Fall ist.

…und was im Leben wirklich zählt

Die zentrale Frage, der Schlingensief in seinem Buch nachgeht ist daher „Was ist wichtig im Leben?“, so wie sie sich heute viele von uns stellen. Weiterpowern wie bisher, das geht eben oftmals nicht mehr nach einem solchen Einschnitt. Der extrovertierte Schlingensief tut sich nicht leicht, dies einzusehen. Trotzdem beschäftigen ihn seine Visionen, unter anderem sein Afrikaprojekt noch weiter. Seine treusten Weggefährten werden ihm jetzt wichtiger, vor allem seine Lebensgefährtin Aino. Am Ende muss er einsehen, dass er nicht mehr den von der Gesellschaft erwarteten Vorstellungen („seinen Mann stehen“, „höher, schneller, weiter“) entsprechen kann.

Ich selbst möchte an dieser Stelle diese Prinzipien generell in Frage stellen. Es hat nämlich rein gar nichts mit Schwäche zu tun, wenn man mit einer solchen Krankheit konfrontiert wird wie hier der Autor. Dies gilt, so finde ich, auch für zahlreiche andere Dinge wie Herzinfarkt und Schlaganfall, Depressionen oder Burnout. Oder auch Berufsunfähigkeit infolge eines Unfalls.

Alle Aspekte über Leben und Tod, sowie allem voran die wichtigen Dinge im Leben, über die sich Schlingensief hier äußert kann ich hier nicht darstellen. Da gibt es noch vieles mehr – nur ein guter Grund, sich das Buch einmal vorzunehmen.

Was will der Autor alles sagen

Das Buch ist kein Ratgeber an Betroffene. Schlingensief liefert zwar reichlich Denkanstöße. Jeder Mensch ist jedoch anders, so dass er zwar mit dem Lesen eines solchen Buches Anregungen für sich holen kann, allerdings kein Patentrezept. Schlingensief war nun einmal zeitlebens ein Selbstdarsteller, und ein solcher bleibt er auch hier bei diesem Thema. Er war zuvor immer im Mittelpunkt gestanden und blieb es weiter.  Nicht jeder kann auf diese Weise mit einer solchen Situation umgehen. Worüber wir uns aber einig sein sollten: das Sterben ist ein Bestandteil des Lebens. Deswegen sollten wir es nicht ausklammern, und auch unser Leben in diese Richtung gestalten. Denn vielleicht stimmt die These „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ tatsächlich.

Das Buch entstand anhand von Aufzeichnungen, die der Autor in sein Diktiergerät gesprochen hatte. Der Autor bleibt authentisch, auch vor Vulgärsprache kneift er nicht. Wer allerdings denkt, der Autor würde das Thema dadurch in seiner Würde beschneiden, der liegt falsch. Es endet Ende 2008, danach blieben dem Autor noch gut anderthalb Jahre, während denen er weiter vielseitig künstlerisch tätig blieb. Auch in vielen dieser späten Werke befasste sich Schlingensief mit seiner Krankheit.

Statement

Ich finde das Buch hat über die zehn Jahren, die es jetzt auf dem Markt ist, nichts an Brisanz eingebüßt. Es gibt und gab zwar Institutionen wie die Hospizbewegung, für die das Sterben und der Tod ein fester Bestandteil unseres Lebens gilt, und dies auch in ihrem Rahmen in die Praxis umsetzen.

In der Gesellschaft aber ist der Tod nach wie vor ein Tabu. Was hier zählt ist Leistung pur. Nicht der faire Wettbewerb, wie manche vielleicht denken, sondern ein gnadenloses blindwütiges „Höher, schneller, weiter“, wenn nötig unterstützt durch Pillen und Drogen, oder auch Gewalt. Nur wer auffliegt, dass er gedopt ist, der wird ganz schnell abgesägt und von der künstlich empörten Gesellschaft ausgebuht.

Egal ob oder an was der Einzelne von uns glaubt: der Tod ist unausweichlich. Ein Aschekreuz auf der Stirn würde manchen von uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Auch wenn es für mich nicht diskutabel ist, die Leute anhand von rein spekulativen Himmels- und Höllenvisionen auf die Knie zu zwingen. Aufgestellt von irgendwelchen hohen Herren, die auch selbst eines Tages einmal vom Tod heimgesucht werden. Denen es eines Tages genauso elend ergehen kann, wie Christoph Schlingensief in den Tagen nach seiner Operation.

Last but not least

Christoph Schlingensief starb im August 2010 an seiner Krankheit. Bis dahin hatte er noch zahlreiche Projekte realisiert, von Theaterinszenierungen, bis hin zur Gestaltung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2010.

Das Buch

Das Buch ist verständlich geschrieben, aber aufgrund des Themas keine leichte Kost. Es erregte breites Aufsehen. Vielleicht wegen der schonungslosen Offenheit, mit der der Autor schreibt. Sicher auch wegen des Tiefgangs, anders als in vielen anderen Büchern zu diesem Thema. Das Tabu um den Tod bleibt aber weitgehend ungebrochen. Leider!

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