Nemesis - 24notes
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Buchtipp

Nemesis

von Philip Roth

Nemesis

„Nemesis“ von Philip Roth

2010, deutsche Ausgabe 2011 im Carl-Hanser Verlag München

In „Nemesis“ beschreibt der Amerikaner Philip Roth (bekannt u.a. durch „Der menschliche Makel“) die Chronik einer (fiktiven) Polio Epidemie im Amerika der 40er Jahre. Ich selbst habe das Buch schon einmal vor etwa zehn Jahren gelesen, als es in die Buchläden kam. Neben Albert Camus Klassiker „Die Pest“ nahm ich mir – anlässlich der Corona Krise – auch diesen gut 200 Seiten starken Roman nochmals vor. Dabei geht es in den beiden Büchern um mehr als nur die oberflächliche Chronik einer Epidemie. Auch bei Philip Roths Roman geht es um ethische bzw. philosophische Fragestellungen.

…fiktive Epidemie

…zwischenzeitlich hat die Polio ihren Schrecken verloren. Die Betagteren unter uns kennen vielleicht noch den Slogan aus dem Fernsehspot: „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“. Genau um diese Krankheit geht es in Philip Roths Roman. Jedoch zu einer Zeit, als es dagegen noch keine Impfung gab…und die Folgen der Krankheit eben fatal sein konnten. Viele der Infizierten damals erkrankten nicht oder nur minimal und waren danach gegen Polio immun. Aber es gab eben auch diejenigen die schwerer erkrankten: bei einigen Erkrankten endete die Krankheit tödlich, andere wiederum machte die Krankheit lebenslang zu Krüppeln. Bei einigen Kranken war die Atmungsmuskultur betroffen, und sie mussten daher künstlich beatmet werden…und hier kommt derzeit wohl bei einigen Lesern der Aha-Effekt: genau das passiert ja heute auch immer wieder bei Covid19…

…Eiserne Lunge

…zu jener Zeit allerdings noch in der berühmt-berüchtigten Eisernen Lunge…die heutigen Möglichkeiten sind an dieser Stelle doch etwas fortgeschrittener…trotzdem, wie wir gerade auch in diesen Tagen sehen, eine heikle Angelegenheit…

…Fiktion, aber…

…wohl jeder der das Buch liest entdeckt hier Parallelen zum derzeitigen Geschehen. Allem voran: genauso wie bei uns heute in puncto Covid19 herrschte bei der damaligen Bevölkerung im Amerika des Jahres 1944 in Bezug auf die Polio eine sehr große Verunsicherung, mitunter auch Panik. Bei der Suche nach Ursachen gab es im fiktiven Damals wie auch im realen Heute im Jahr 2020 die wildesten Vermutungen: man suchte einen Schuldigen: dies konnte eine ethnische Minderheit genauso sein, wie die Fliegen die im heißen Sommer überall herumschwirrten bis hin zu einem krassen minderbemittelten Außenseiter, der im Viertel herumstreunte und die Leute berührte. Nun ja, hier sind wir in der heutigen Zeit zum Glück etwas weiter…auch über die Frage nach Freiheit, Schuld und Verantwortung bei einer solchen Epidemie ist im Buch die Rede…näheres dazu später

…die Story und der Hauptdarsteller

Bucky Cantor, der „Titelheld“ der Geschichte ist ein pflichtbewusster jüdischer Amerikaner aus bescheidenen Verhältnissen im amerikanischen Newark. Ganz der ideale athletische Typ eines Mannes, für den Militärdienst allerdings wegen seiner Kurzsichtigkeit untauglich. Eine Sache, die an seinem Gewissen nagt, sind doch zwei seiner besten Freunde im Zweiten Weltkrieg an der Front. Also betätigt er sich zuhause als Sportlehrer und betreut eine Horde Jungs während der Ferien auf dem Sportplatz. Einer nach dem anderen von seinen Schützlingen erkrankt nun aber an Polio, Bucky hält die Stellung, manche der Eltern machen ihn aber auch dafür verantwortlich, dass ihre Kinder erkrankt sind. Seine Geliebte Marcia, aus einer wohlhabenden jüdischen Ärztefamilie bittet ihn, einen Job in jenem Ferienlager anzutreten, in dem sie selbst ebenfalls arbeitet. Bucky zögert, weil er sich seinen Jungen gegenüber in der Pflicht sieht…lässt sich aber dann doch dazu hinreißen, den freien Posten in jenem Summer Camp anzutreten. Teils wohl aus Liebe, teils aber auch aus Furcht, selber an Polio zu erkranken.

Also fährt Bucky in jenes Ferienlager, trifft sich mit seiner Geliebten…und wie das Schicksal will, bricht auch hier nach kurzer Zeit die Polio aus. Er gibt sich letztlich die Schuld, dass er die Polio dort eingeschleppt hat…und erkrankt schließlich auch selbst daran

…drei Abschnitte

Während die ersten beiden Abschnitte des Buches aus „objektiver Perspektive“ erzählt werden, so erzählt der Autor den dritten Abschnitt aus der Sicht eines der an Polio betroffenen Jungen, der seinem damaligen Sportlehrer über zwanzig Jahre später wieder begegnet. Während dieser selbst trotz der verbliebenen Lähmungen ein annähernd normales Leben führt (guter Job und Familie) sieht sich Bucky mit seinem  Männlichkeitsideal und seinem übersteigerten Verantwortungs- und Schuldbewusstsein als gescheitert. In diesem Rahmen werden die Fragen nach Freiheit, Verantwortung und Schuld aus der Perspektive beider dieser Männer erörtert.

…das hohe Ideal..

…das für einen Mann eben seit der Antike bereits galt – der Autor beschreibt es auf den letzten Seiten des Romans sehr plastisch – das konnte Bucky nicht mehr erfüllen. Allein, dass er nicht zum Militärdienst zugelassen wurde war für ihn schon schwer, seine Körperbehinderung gab ihm nun den Rest. Wie ich es verstanden habe hält der Autor also Bucky Cantors Haltung für nachvollziehbar.

…Statement…

…dass es nachvollziehbar ist sehe ich ähnlich…denn schließlich wird uns ja dieses Ideal seit der Antike unablässig gepredigt. Realistisch oder nicht, das ist hier aber die Frage. Ich meine ganz klar nein.

…last but not least…

…der Roman soll zum Nachdenken anregen. Sicher finden wir auch hier kein Patentrezept zum Umgang mit Dingen in der Coronakrise.  Einige Dinge die hier Philip Roth schreibt oder anspielt sollten wir uns wirklich hinter die Ohren schreiben: der Mensch ist nicht unverwundbar. Niemand von uns kann ein Heldenleben planen, egal in welcher Form. Ganz egal ob wir nun etwa an Gott glauben oder nicht: weder Gott ist für alles verantwortlich noch wir selbst…darüber sollten sich alle klar sein, auch wenn wir eine Krise managen müssen. Und vor allem eins: niemand von uns hat über alles die absolute Kontrolle.

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