India by bus - 24notes
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Indien mit dem Bus

India by bus

Der Monsun neigte sich seinem Ende zu und hinterließ wie jedes Jahr eine drückend feuchte Hitze. Ein Tag, wie viele im Jahr. Bikram stand wie immer am International Airport Terminal auf der Suche nach einer Verdienstmöglichkeit. Er war vor kurzem 35 Jahre alt geworden. Mit 15 war er mit großen Hoffnungen nach Bombay gekommen. Irgendwann in den vielen Jahren musste er sich eingestehen, dass es sich von den Touristen zwar gut leben ließ, das große Geld war damit aber nicht zu machen. Etwas anderes hatte er nie versucht. Pradeep, der ihn damals als Zögling zu sich genommen hatte, redete ihm zu, er hätte nur hierfür Talent. Niemand sonst würde Erstankömmlinge so sicher erkennen. Darüber dachte Bikram nach. Wahrscheinlich hatte Pradeep recht.

In diesem Moment erspähte er zwei Rucksackreisende Anfang 20, die soeben das Terminalgebäude verließen. Birkenstock, Deutsche also. Was jetzt kam, war Routine. Er sprach die jungen Männer an, erzählte eine erfundene Geschichte von seiner Familie, erzählte von der Bedeutung seines Namens: Tapferkeit, Mut und Herzlichkeit. Das wirkte fast immer. Sie sollten Vertrauen schöpfen, und sie taten es. Dieter und Michael. Schnell fand er heraus, was sie planten. Sie wollten in den Süden reisen, nach Cochin, einer Stadt an der Küste des Arabischen Meeres. Bikram winkte ein Taxi herbei und lotste die beiden zu Pradeeps Büro im Bezirk Andheri-East. Pradeep saß Beedies rauchend hinter seinem kargen Schreibtisch. Der winzige Geschäftsraum lag im Souterrain eines abgewohnten Hauses. An der fleckigen, türkisblau gestrichenen Decke summte ein Ventilator, der die Hitze kaum erträglicher werden ließ. Bikram strich die Provision ein, die Pradeep ihm diskret zusteckte. Wieder genügend Geld für einen Tag in der Stadt, dachte Bikram und verschwand.

Michael blickte mich fragend an, als Pradeep uns eine bequeme Fahrt in einem Luxusbus versprach. In weniger als 24 Stunden sollten wir nach Cochin kommen. Natürlich sehr preiswert. Für Rucksacktouristen war dies die stilechte Art, zu reisen. Ich nickte Michael zu. Jeder von uns war 700 Rupien ärmer und ein Busticket reicher. Damit setzte uns Pradeep an einer Straßenecke irgendwo im Nirgendwo der pulsierenden Stadt ab.

»Der Bus kommt in einer halben Stunde. Gute Fahrt«, sprach er lächelnd und verschwand.

Wir kauften uns an einem Straßenstand zwei Flaschen Mineralwasser und sechs kleine, zuckersüße Bananen. Für weitere Einkäufe fehlte uns der Mut, den Bus wollten wir keinesfalls verpassen. Beständig schaute ich mich in Erwartung des luxuriösen Busses um. Wir standen an einer belebten Straße. Nahezu jeder freie Fleck war von Rikschas, Motorrädern, Ambassador-Autos oder bunt verzierten Lastwagen besetzt. Ochsenkarren zwängten sich durch das Gewühl. Unzählige Inder schlängelten sich zu Fuß kreuz und quer irgendwo hin. Die Verkaufsbuden am Straßenrand schienen den ganzen Trubel zu kanalisieren, ihn im Zaum zu halten. Das Getümmel, der allgegenwärtige Gestank von den Überresten menschlicher Notdurft, das unablässige Hupen und das endlose Brummen der Motoren verfehlten ihre einschüchternde Wirkung nicht. Ruß und Schmutz lagen in der Luft und legten sich ob der feuchten Hitze wie ein Film auf den Körper und die Lunge.

Meine Augen folgten zwei Indern, die eine völlig überladene Handkarre voller Reissäcke hinter sich herzogen. Dann endlich, ein Bus! Langsam, aber stetig drängelte er sich in dem dichten Verkehr voran. Was wir sahen, passte gar nicht zu unserer Vorstellung von einem Luxusbus: Es war ein fensterloses, durchweg verwahrlostes Fahrzeug, an dessen Reifen schon faustgroße Gummistücke fehlten. Ohne zu halten, fuhr er an uns vorüber. Fast waren wir erleichtert. Also weiter warten. Michael zündete sich eine der ungezählten Zigaretten des langen Tages an, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Bei jedem weiteren Bus hofften wir erneut, es möge unserer sein. Stets vergebens. Ich versuchte einige Inder anzusprechen, von denen ich glaubte, sie würden ebenso wie wir auf den Bus warten.

»Yes, yes, bus comes …«.

Allein der Glaube daran wollte sich nicht einstellen.

Mittlerweile begann es, zu dämmern. Das rote Licht der tief stehenden Sonne ließ den Dunst aus Abgasen deutlich sichtbar werden und verlieh dem unablässigen Verkehrschaos etwas Unwirkliches.

»Yes, yes, bus comes …«.

Die Zeit verging, Stunde um Stunde und wir verloren gänzlich das Gefühl, noch in irgendeiner Weise Teil des Geschehens zu sein.

»Yes, yes, bus comes …«.

Selbst als es völlig Nacht wurde, war von dem Bus noch immer keine Spur. Ganz auf uns gestellt, ohne Unterkunft, ohne die geringste Ahnung, wo genau wir uns befanden, saßen wir am Rande irgendeiner Straße in der Millionenstadt Bombay. Mir kam in den Sinn, was Pradeep uns über die Bedeutung seines Namens sagte: Er bedeutet Licht. Aber er führte uns ins Dunkel.

Plötzlich stoppte aus dem wilden Fluss der Straße ein Taxi und riss uns aus der Lethargie. Der Fahrer stieg aus und fragte uns, was wir vorhätten. Als wir ihm erzählten, dass wir auf einen Bus nach Cochin warteten, lachte er nur.

»Hier kommt kein Bus«, sagte er, »ich kann euch an den Inlandsflughafen mitnehmen, sehr günstig. Der nächste Flug geht morgen. Ich weiß ein günstiges Hotel in der Nähe«

Ich fragte nach seinem Namen.

»Ich heiße Suri«, antwortete er, »das bedeutet Tapferkeit, Mut und Herzlichkeit. «

Wir sollten Vertrauen schöpfen, aber wir taten es nicht.

(Foto: 24notes)

Autor, Fotograf, Blogger und Initiator von 24notes, dem Magazin für Literatur, Fotografie und der Kunst, das Leben zu verstehen.
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