Norwegian Wood - 24notes
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Norwegian wood

Norwegian Wood

„Ich bin einfach davon gerannt, ohne Ziel. Am Bahnhof habe ich irgendeinen Zug genommen. Völlig wahllos. Ich wollte nur weg. Einfach nur weg. Dann hatte ich Zeit zum Nachdenken, 6 lange Stunden, durch die Nacht“.

Frank nahm eine Zigarette aus dem silbernen Etui und zündete sie mit seinem alten, abgegriffenen Benzinfeuerzeug an.

„In Halle bin ich raus, fühlte mich immer noch total durcheinander. Ich hab Panik gekriegt, da bin ich einfach in den Zug gegenüber rein. Da fühlte ich mich irgendwie unsichtbar; das Unterwegssein musst du keinem erklären. In Magdeburg bin ich endgültig raus. Es war so gegen 9 Uhr. Draußen vor dem Bahnhof war es ziemlich kalt. Da kam mir die Idee, ich könnte Irina anrufen und ihr vorgaukeln, ich wäre gut in Marrakesch angekommen. Dann hätte ich ein Alibi, dann hätte ich keine Schuld. Mein Handy hatte keinen Akku mehr, da hab ich es mit dem öffentlichen Telefon versucht. Ich wusste schon gar nicht mehr, dass es überhaupt noch welche gibt. Es war ja kein Häuschen mehr drum herum, das war ja das Problem. Die Oma hätte sonst sicher nicht mitbekommen, wie ich Irina was von „gut in Marrakesch angekommen, 25 Grad, superblauem Himmel“ und so was erzählt habe. Die dachte wohl, ich würde Irina betrügen und hat einen riesen Aufstand gemacht. Auf Moral und so.“

Frank atmete tief durch, schnippte seine Zigarette in den Ascher, der auf dem Tisch vor ihm stand und verlor sich in Gedanken. Es fröstelte ihn, obschon das Zimmer, in dem er saß, gut geheizt war. Schon wieder würde er am liebsten wegrennen und laut schreien. Warum musste Irina immer solchen Stress machen? Diese ewige Eifersucht. Eine gefühlte Ewigkeit hatte es gedauert, bis Irina wirklich glaubte, dass seine Reise nach Marrakesch rein beruflich sei und keine andere Frau dahinter steckte. Dabei hatte sich Frank sehr auf den Abschiedsabend gefreut.

„Ich habe Irina hundertmal gesagt, dass ich ein Engagement für ein Fotoshooting bekommen hatte. So eine Chance konnte ich mir als junger Fotograf nicht entgehen lassen. Als das Thema endlich vom Tisch war, war sie wieder das alte Honigkätzchen. Ich habe für etwas Stimmung gesorgt, den Sekt aufgemacht und die Kerzen auf dem Sofatisch angezündet und so. Dann hat sie mich tierisch heiß gemacht. Ich dachte noch, sie hätte ein schlechtes Gewissen wegen der Streiterei, aber da hatte ich mich geschnitten. Sie ließ mich eiskalt abblitzen, erzählte mir, dass sie die Nachtschicht für ihre Kollegin übernommen hätte und eine Minute später war sie weg. Kein Wort des Abschieds. Nichts. Ich war stinksauer und habe in meinem Ärger den Sofatisch umgeworfen. Ich bin dann raus in die Kneipe um die Ecke auf ein Bier mit Korn. Irgendwann hörte ich die Feuerwehr. Ich hätte im Traum nicht gedacht, dass die Kerzen nicht ausgehen könnten. Als ich  aus der Kneipe raus bin, war der Rettungswagen schon da. Ich sah den Rauch aus Irinas Wohnblock steigen und wie die Feuerwehr hektisch arbeitete. Mir wurde richtig schwindlig, als mir die Kerzen einfielen. Ich fühlte mich, als ob mir einer die Faust in den Magen gehämmert hätte. Als der Rettungsdienst dem alten Müller die Decke über das Gesicht zog, konnte ich nur noch wegrennen und heulen wie ein kleiner Junge.“

Frank schwieg. Er zitterte immer noch, nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas, das ihm angeboten worden war und räusperte sich nervös. Er konnte einfach nicht glauben, dass Müller nicht mehr aus seiner Wohnung gekommen ist. Gut, er war ein gutes Stück über 70 und nicht mehr gut zu Fuß. Aber dass der Brand auch so schnell außer Kontrolle geraten konnte.

„Ich weiß, der Versuch, durch das Telefonat mit Irina ein Alibi zu konstruieren, war ziemlich idiotisch. Es war eine hirnlose Panikaktion. Und das die Alte darauf so einen Zauber veranstaltet, das hat mich dann völlig aus der Bahn gebracht. Hielt mir lauthals eine Moralpredigt. Über Untreue und wie verdorben und gottlos ich wäre, meine Frau so zu betrügen. Alle Leute wurden auf mich und die Alte aufmerksam, und da bin ich ausgerastet.“

Nach endlosen Augenblicken erhob Franks Gegenüber zum ersten Mal das Wort.

„Herr Theurer, das mag alles so sein. Und es spricht für sie, dass sie das alles gestehen wollen. Zu ihrem Glück wurde das Feuer eindeutig von einer Gasexplosion in Müllers Wohnung verursacht. Aus der Sache sind sie raus. Aber Frau Böwe hat Anzeige wegen Körperverletzung erstattet.“

(Foto: unsplash.com)

Autor, Fotograf, Blogger und Initiator von 24notes, dem Magazin für Literatur, Fotografie und der Kunst, das Leben zu verstehen.

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