Ferdinand von Schirach „Terror“ - 24notes
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Das erfolgreichste Drama auf deutschsprachigen Bühnen

Ferdinand von Schirach „Terror“

Ferdinand von Schirach „Terror“

Erschienen 2015 im Piper Verlag, München/Berlin/Zürich

Liebe Leser, sagt jetzt bitte nicht, dass dieser Geri Barreti einfallslos ist, wenn er meint, er müsse zu diesem Buch, oder besser Theaterstück auch noch seinen Senf dazugeben. Theoretisch gesehen bräuchte gar niemand mehr über diesen Autor große Worte verlieren. Die meisten kennen ihn längst oder haben zumindest schon von ihm gehört. Viele von seinen Kurzgeschichten wurden ja zwischenzeitlich für das Fernsehen verfilmt. Sein Theaterstück „Terror“ gab es auch schon als Fernsehfassung, und ist eines der am meisten aufgeführten zeitgenössischen Stücke in deutschsprachigen Theatern. Zu Recht finde ich, oder besser gesagt „traurigerweise zu Recht“.

Das Thema betrifft uns alle…

… spätestens seit den Anschlägen in Paris, Brüssel, Nizza und Berlin ist dies jedem klar. Und Ferdinand von Schirach nimmt für sein Stück eine vergleichbare Ausgangslage: ein von Terroristen entführtes Flugzeug nimmt Kurs auf die vollbesetzte Allianz-Arena in München. Sprich in ungefähr das was sich am 11.September 2001 in New York abspielte passiert jetzt in Deutschland. Anders aber als damals weiß man hier im Vorfeld des Kamikaze-Angriffs Bescheid. Also gibt es, wenigstens scheint so, die Chance zu handeln.

Die Terrorabwehr geht in Aktion

Das Flugzeug wird tatsächlich kurz vor dem geplanten Aufprall auf das Stadion abgeschossen, sprich die Flugzeugpassagiere werden in den Tod geschickt. In der Arena dagegen kommt niemand zu Schaden. Die Verantwortlichen, oder besser gesagt der Verantwortliche für den Abschuss wird aber gerichtlich zur Rechenschaft gezogen. Denn tatsächlich gab es Tote, nämlich die Passagiere des gekaperten Jets. Hier setzt das Gerichtsdrama an: gegen den Schützen wird in einem Strafprozess vor Gericht verhandelt.

Kein Fernsehgericht

…eine Schlammschlacht, wie man es in den allgegenwärtigen Gerichtsshows kennt, wäre auch in diesem Fall völlig unangemessen. Während des ganzen Lesens – oder Zuschauens – fragt man sich unweigerlich: „Was hätte ich an der Stelle das Angeklagten getan?“ Nach einer Alternative wird hier zwar gesucht, wirklich fündig wird aber niemand. Also handelte der Angeklagte so wie er handeln musste? Oder ist es aus Prinzip ein No Go, einige relativ wenige Menschenleben zu opfern, um zigtausende vor dem sicheren Tod zu bewahren? Grundsätzlich gilt: Menschleben dürfen nicht gegen andere Menschenleben abgewogen werden.

Die Grenzen der Juristerei

Hier trifft unsere Justiz, und zwar sowohl die Strafjustiz als auch die übergeordnete Verfassungsgerichtsbarkeit definitiv an ihre Grenzen. Das Drama hat ein offenes Ende: es soll den Zuschauern das Urteil überlassen werden. Moralisch gesehen gibt es sowohl für einen Freispruch als auch für eine Verurteilung gute Argumente. Tatsächlich aber kennt unsere Verfassung die Menschenwürde und den absoluten Lebensschutz. Ist der Angeklagte hier also auch juristisch gesehen zu verurteilen, weil dies eben im Gesetz so geschrieben steht?

Ich habe zwar eine Meinung zu dieser Frage, möchte sie hier aber bewusst nicht offenlegen, weil ich es wichtig finde, dass man als Leser oder Zuschauer im Theater oder Fernsehen sich selbst eine Meinung darüber bildet. Noch hatten wir eine solche Situation in Deutschland und Europa nicht. Es bleibt zu hoffen, dass es nie soweit kommt, aber ausschließen kann es leider niemand.

An der Stelle des Angeklagten möchte wahrscheinlich keiner stehen. Auch Richter in einem solchen Prozess wäre wohl einer der undankbarsten Jobs, die sich ein Jurist vorstellen könnte.

Lesen oder ins Theater gehen?

Ich meine: beides. Ich war zwar nicht im Theater, ich habe mir im Fernsehen die Verfilmung angesehen, auch das ist eine Alternative. Vielleicht wäre aber ein Theaterbesuch insoweit ganz interessant, weil man hier die Reaktionen des Publikums im Saal ein Stück weit mitverfolgen kann.

Entscheidend sind bei dieser Sache aber die Details und nicht nur die Rahmenhandlung. Eben deswegen lohnt sich zusätzlich zum Theaterbesuch auch die Lektüre des Buches. Auch zum nochmaligen Nachlesen der Einzelheiten. Dieses ist zwischenzeitlich auch als Taschenbuch erhältlich.

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Geri ist leidenschaftlicher Fotograf mit einem intensiven Blick für verborgene Details. Er arbeitet ausschließlich digital und zeigt seine Arbeiten u.a. auch bei 24notes.

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