Memoiren eines alten Arschlochs - 24notes
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Memoiren eines alten Arschlochs

Memoiren eines alten Arschlochs

Weder Klassiker noch Bestseller

Schon seit längerer Zeit wollte ich hier einmal ein Buch abseits der Kategorien „Bestseller“ oder „Klassiker“ vorstellen. Ich entschied mich für das Buch „Memoiren eines alten Arschlochs“ von Roland Topor, eine fiktive Autobiografie eines Künstlers aus den Siebziger Jahren. Nicht weil ich es für einen Meilenstein der Weltliteratur halte und ebenso wenig weil es jetzt wegen seiner Thematik brandaktuell wäre. Was das Buch aber ist: es ist reichlich satirisch und ausgefallen, und an manchen Stellen zum Schreien komisch. An anderen wiederum zum Kopfschütteln. Auch totale Übertreibung ist bei einem solchen Thema erlaubt, wenn der Autor auch manchmal etwas zu viel Schlagsahne aufträgt oder es mit der Menge an Informationen zu gut mit dem Leser meint.

Wie kommt man zu einem solchen Buch überhaupt?

Ich entdeckte das Buch in einer Museumsbuchhandlung eines Kunstmuseums. Der verheißungsvolle Titel sprang mir natürlich in die Augen und daher warf ich einen Blick auf den Buchrücken und auf die ersten Seiten. Das Thema erschien mir interessant. Kunst und Kunstgeschichte sind nun mal ein Gebiet bei denen gut und gerne einmal geblufft wird. Und der Autoprotagonist treibt es an dieser Stelle an die Spitze. Von Kind an bis ins hohe Alter. Er kannte definitiv jeden von Rang und Namen in Kunst, Literatur, Musik und auch aus Politik und Wirtschaft. Ein verkanntes Genie? Der Titel sagt etwas anderes. Das Buch aus dem Jahre 1975 mit dem Originaltitel „Mémoires d’un vieil con“ erzählt das Leben eines „con“.

Die Bedeutung des Begriffs „con“ im Französischen

Letzteres Wort hat im Französischen verschiedene Bedeutungen. „Con“ kann außer einem Arschloch genauso gut ein „Trottel“ oder ein „Doofkopf“ sein. Ganz ehrlich, ich finde der Übersetzer hat sich hier für diejenige Variante entschieden, mit der das Buch auf dem deutschen Markt am besten vermarktet werden konnte. Wenn man das Buch aber gelesen hat, so überlegt man sich, ob der Protagonist denn tatsächlich ein „Arschloch“ ist. Oder doch viel eher ein Depp, eine „Nullnummer“, der sich als „Klugscheißer“ in Szene setzt. Ich finde eher letzteres, aber auch das gelingt ihm dem Leser gegenüber nur teilweise. Wohl bei den meisten kommt da eher Grinsen denn Staunen auf.

Der Autor und das Werk

Der 1938 geborene Roland Topor war kein reiner Buchautor, sondern ein sehr vielseitiger Künstler. Ursprünglich studierte er an der Pariser École Nationale Supérieure des beaux-arts de Paris Kunst. Während seiner folgenden Laufbahn als Künstler fuhr er durchweg mehrgleisig. Neben Büchern schrieb er auch Drehbücher für Filme, und betätigte sich selbst auch als Schauspieler und machte Filmplakate. Vor uns haben wir also einen Tausendsassa. Auch als Liedermacher machte er sich darüber hinaus einen Namen. Der Autor lebte und wirkte in Paris bis zu seinem Todesjahr 1997.

Das Buch

Der Protagonist ist (angeblich) von Kind an Überflieger. Eben zum genialsten Künstler aller Zeiten auserkoren. Und der Erfolg fällt ihm, mit kurzen Unterbrechungen und Tiefflügen, wie sie jeder Künstler kennt, doch weitgehend in den Schoß. Von seiner doch eher provinziellen Heimatstadt Luxemburg aus verschlägt es ihn recht früh in die Kulturmetropole Paris, wo er noch mehr Künstlergrößen des vergangenen Jahrhunderts begegnet wie schon zuvor während seiner „Lehr- und Wanderjahre“. Malerkollegen wie Degas, Picasso oder Chagall (den er übrigens ziemlich am Anfang seiner Biografie gleich als „Depp“ bezeichnet), aber auch Musiker wie Satie. Und dann geht’s hinaus in die große Welt, man begegnet Henry Ford, aber auch die großen Despoten der Zeit wie Hitler, Mussolini und Stalin. Ja, überall war er dabei. Sogar einen eigenen Kunststil hat er angeblich begründet: den Glissismus – so ganz verstanden habe ich nicht, was es damit auf sich hat. Und sogar später in den Siebziger Jahren soll er den Kubismus mitbegründet haben. Na ja, er war halt mit seinem Wissensvorsprung immer eine Nasenlänge seinem Gegenüber voraus. Und dachte, das wäre er auch den Lesern seiner Autobiographie. Auch wenn er mitunter nur die Namen der Künstler und Kunstrichtungen kannte…und darüber hinaus nichts, oder nur herzlich wenig.

Das Wesen des sog. „name droppings“

Jeder von uns kennt dieses Phänomen: sobald jemand etwa jemand in einer Fernsehtalkshow anfängt Aristoteles zu zitieren, oder eine Weisheit aus dem zweiten Teil von Goethes Faust auf den Tisch schmettert, so sind wir von dieser Person hoch beeindruckt. Auch wenn er das Zitat nur brav wie ein Grundschüler auswendig gelernt hat, und darüber hinaus herzlich wenig darüber zu sagen weiß. Das alleinige Nennen bestimmter Namen, allem voran von griechischen Philosophen oder römischen Geschichtsschreibern reicht hier aus, um die eigene Überlegenheit gegenüber den Gesprächspartnern dingfest zu machen. Und wer dann noch ein paar Zitate von deutschen Klassikern wie Goethe oder Lessing parat hat oder mit dem „kategorischen Imperativ“ von Kant auftrumpft, der hat schon so gut wie gewonnen.

Im Kulturbereich sieht es da aber etwas anders aus. Viele Konsumenten von Kunst, aber auch von Literatur, klassischer Musik, Jazz, teilweise auch von Pop- und Rockmusik verfügen über einen gewissen Bildungsschatz auf diesen Wissensgebieten. Jeder, der sich auch nur halbwegs mit Kunst auskennt weiß z.B., dass der Kubismus lange vor den Siebziger Jahren entstanden ist. Und mit dem englischen Maler William Turner schon überhaupt gar nichts zu tun hat. Fazit: die Methode ist an einer solchen Stelle riskant, Blender kommen hier meist nicht weit.

Lohnt sich das Buch?

Man sollte sich ganz grob in der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts auskennen, ebenso wie auch in der Kunst dieser Zeit, also z.B. von Dalí oder Chagall schon einmal etwas gehört haben und wissen dass Henry Ford nicht in England sondern in den USA sein Model T auf den Markt brachte. Expertenwissen braucht man keinesfalls, und man braucht auch kein Intellektueller sein, um beim Lesen des Buchs viel Spass zu haben. Man amüsiert sich mit dieser doch äußerst einzigartigen Autobiographie – mit Maximalschräge.

Vielleicht fasst sich auch mancher Leser an den Kopf? Kenne ich nicht auch Leute, die sich nach einem solchen Schema verkaufen? Oder: habe ich selber auch schon wenigstens das eine oder andere Mal auf so eine Art geblufft?

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Geri ist leidenschaftlicher Fotograf mit einem intensiven Blick für verborgene Details. Er arbeitet ausschließlich digital und zeigt seine Arbeiten u.a. auch bei 24notes.

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