ZEN - der Versuch einer Erklärung - 24notes
15770
post-template-default,single,single-post,postid-15770,single-format-standard,bridge-core-2.0.7,cookies-not-set,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,hide_top_bar_on_mobile_header,qode-theme-ver-19.4,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-6.1,vc_responsive

ZEN – der Versuch einer Erklärung

ZEN kann man nicht erklären, ZEN muss man erfahren, schreibt D.T. Suzuki in seinem Buch „eine Einführung in den Buddhismus“. Also bleibt mir nur, es mit dem Erklären zu versuchen. ZEN ist weder Religion noch Philosophie – aber es strahlt dennoch mystisch weit; Menschen aller Couleur, vom spirituellen Sinnsucher bis hin zum überreizten Manager, fühlen sich davon magisch angezogen. Worin liegt nun diese geheime Magie des ZEN? Was macht ZEN aus? Über diese Fragen nachzudenken, war mein Anliegen für diesen Blogbeitrag.

Achtung: jetzt wird’s trocken: Geschichtliches

Das ZEN entstand aus dem Buddhismus, der etwa im sechsten Jahrhundert vor Christus im hinduistisch geprägten Nordindien entstand. Siddhartha Gautama entwickelte die Einsicht, dass die Ursache allen Leidens durch das Wollen verursacht sei. Das Leiden könne überwunden werden, wenn es nur gelänge, sämtliches Begehren aufzulösen. Dadurch werde es auch möglich, aus dem endlosen Rad der Wiedergeburt zu entfliehen und das Nirwana zu erreichen. Nirwana bezeichnet einen Zustand ohne jedes Leiden. Ein Bezug auf ein ewiges Leben oder ein jenseitiges Paradies findet sich darin nicht.

Wissen

Die Grundlage des Buddhismus bilden die vier edlen Wahrheiten und der edle achtfache Pfad.

Die vier edlen Wahrheiten

  1. das Leben ist voller Leiden
  2. Ursprung des Leidens ist das Begehren
  3. es gibt einen Weg das Leiden zu überwinden
  4. dieser Weg ist der edle achtfache Pfad

Der edle achtfache Pfad ist eine Anleitung zur Erlösung, der Wegweiser zum Nirwana

  1. die rechte Einsicht
  2. die rechte Absicht
  3. die rechte Rede
  4. das rechtes Handeln
  5. der rechter Lebenserwerb
  6. das rechte Streben
  7. die rechte Achtsamkeit
  8. die rechte Sammlung/Meditation

Als Erleuchteter, als Buddha, verbreitete Siddhartha Gautama seine Lehre und die ersten Anhänger des Buddhismus lebten zurückgezogen in klösterlicher Askese. Dieser Hinayana-Buddhismus (kleines Fahrzeug) war auf die Erlösung des Einzelnen in mönchischen Gemeinschaften ausgerichtet und für die breite Masse nicht geeignet.

Menschen brauchen Götter und Heilige – Opium fürs Volk.

Alle Menschen können nicht im Kloster leben. Und wer Indien kennt, für den ist klar: eine Religion ohne Götter hat keine Chance. So entwickelte sich eine neue Strömung mit Breitenwirkung: dies war der Mahayana-Buddhismus (großes Fahrzeug). Im Zentrum steht hier die Figur eines Bodhisattvas, also ein Erleuchteter, der auf das Aufgehen ins Nirwana selbstlos verzichtet, um als spiritueller Lehrer anderen Menschen den richtigen Weg zu weisen. Da ein Bodhisattva das Menschsein bereits überwunden hat, dient er den normalen Menschen als göttliche Figur.

So wuchs der Buddhismus über die Grenzen Indiens hinaus und kam nach China. Dort wurde er vom Taoismus beeinflusst, unter anderem auch von den philosophischen Werken des Laotse. Ähnlich wie der Hinduismus zeigte sich auch der Buddhismus im Umgang mit anderen Religionen sehr offen. Er grenzte sich nicht von den örtlichen Vorstellungen ab, sondern nahm diese vielmehr in sich auf. Von China wanderte der Buddhismus nach Japan. Dort entstand endlich der Begriff ZEN als Übersetzung des chinesischen Wortes „Chan“, welches sich wiederum aus dem Sanskritbegriff Dhyana (meditative Versenkung) ableitet. Daher wird ZEN gerne als Meditations-Buddhismus bezeichnet.

ZEN – eine Lehre ohne Lehre, ohne Gott.

Im ZEN gibt es weder einen Gott oder sonstige Heilige, die angebetet werden könnten. Ebenso wenig gibt es eine ZEN-Bibel. ZEN möchte jede urteilende Vorstellung auflösen. Es bedeutet, das Leben ganz zu leben, in und mit dem, was „da“ ist. Doch dieses Eins-Sein mit Allem, im Hier und Jetzt ist dem „denkenden“ Menschen nicht so einfach möglich.

Cogito ergo sum

Ich denke, also bin ich. So lehrte uns der Philosoph Descartes über unser Selbstverständnis als Mensch: das „Ich“ als Summe unserer Gedanken. Mit diesem Konzept räumt ZEN auf: Wir kommen ohne „Ich“ auf die Welt – es entwickelt sich erst mit der Zeit. Durch Konditionierung und vernetzende Begriffsbildung. Jene gewachsene Ich-Struktur übernimmt die Oberhand und wir gewinnen den Eindruck, dass unser „Ich“ losgelöst von allem, eigenständig existiert.

Doch diese Vorstellung ist eine Illusion. Unser Verstand ist für die Bewältigung der alltäglichen Anforderungen ein sehr nützliches Werkzeug. Für die Bewusstseinsammlung, das Erkennen des wahren Selbst sind Gedanken eher hinderlich als hilfreich.

Das ZEN zeigt uns den Weg zurück zu einem reinen Gewahrsein, frei von Gedanken, Begriffen und Wertungen. Wir sind alle Eins mit dem Urgrund des Seins – und dieses Eins-Sein löst alle Unterschiede auf.

„Zen ist nicht etwas Aufregendes, sondern Konzentration auf deine alltäglichen Verrichtungen.“ (Shunryu Suzuki)

Durch die Nichtdualität, das Eins-Sein mit Allem ist ZEN natürlich auch mit unserem ganz alltäglichen Dasein verknüpft. Selbst einfache Tätigkeiten sind nach dieser Einsicht – bewusst ausgeführt – nichts anderes als ZEN-Übungen, so wie das ganze Leben auch. Neben diesem alltäglichen Tätigsein (Samu) besteht die ZEN-Praxis hauptsächlich aus Meditation im Sitzen (Zazen), aufmerksamen Schreiten (Kinhin) sowie der Rezitation von spirituellen Texten. Darüber hinaus beinhaltet ZEN die Beschäftigung mit Koans. Dabei handelt es sich um paradoxe Sätze oder Anekdoten, welche sich allein durch logisches Denken nicht erfassen lassen. Erst wenn es gelingt, das verstandesgemäße Prinzip zu überwinden, kann durch intuitives Verstehen eine Lösung gefunden werden.

Das Ziel der ZEN-Praxis ist es, das nie ruhende Gedankenkino im Kopf zu beruhigen. Alle unsere Vorstellungen, Beurteilungen und Gefühle sollen ruhen und einer wertungsfreien Achtsamkeit weichen. Dieses befreite Sein im Hier und Jetzt, die Erfahrung des Nirwana, wird die unausweichliche Folge sein.  Das Nirwana, also die „Ewigkeit“, das „Paradies“ wird nicht auf ein zukünftiges Jenseits verschoben, sondern ist im Diesseits, in der Gegenwart zu finden.

?Jesus – ein ZEN-Lehrer?

Jesus sagt: „Seid wie die Kinder“. Denn sie sind von Natur aus fähig, sich vollständig in der Gegenwart zu verlieren. Sie können sich im Spiel so in das momentane Sein versenken, dass die Zeit keinerlei Bedeutung mehr hat; was bleibt ist nichts anderes als ein neuer Ewigkeitsbegriff: es ist der Moment des zeitlosen glücklichen Seins gemeint und nicht eine ewige Zeitspanne ohne Ende.

eine Erzählung

Was es heisst,  im Moment zu sein

Als eine Gruppe von Schülern ihren alten ZEN-Meister nach dem Schlüssel des Glücks fragten, sagte er: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich.“

Verwirrt fielen ihm seine Schüler ins Wort:  „All das tun wir auch. Es muss doch darüber hinaus noch etwas Entscheidendes geben.“ Er schwieg für eine Weile und setzte von neuem an: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich.“

Wiederum erwiderten seine Schüler: „Das allein kann es nicht sein. All das tun wir doch auch.“ Der ZEN-Meister erwiderte jedoch: „Nein, das tut ihr nicht. Seid doch achtsam: Wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, und wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

!ZEN ist alles und nichts.

Es ist schon paradox. ZEN räumt mit allen Konzepten und Denkmustern auf, und dennoch mache ich so viele Wörter, um das nicht Beschreibbare zu deuten; wie gesagt – es bleibt eben nur der Versuch einer Erklärung.

„Selbst wenn unsere Worte genau, und unsere Gedanken richtig sind, entsprechen sie doch nicht der Wahrheit. Wenn wir Sprache und Denken aufgeben, können wir über alles hinausgehen. Wer Sprache und Denken nicht zurücklassen kann, wie kann der den WEG verstehen? “ (Meister Sosan)

(Foto: unsplash.com)

Buchempfehlungen*

Ein gutes Buch für den Einstieg in das ZEN. Der Autor Osho findet starke Bilder, um das nicht Erklärbare zu vermitteln.

Gold und Staub – der Roman von Galsan Tschinag hat eigentlich gar nichts mit ZEN zu tun. Dennoch ist er in diesem Zusammenhang lesenswert, weil er den buddhistischen Grundgedanken des Eins-Sein sehr anschaulich verkörpert.

Kenneth S. Leon sieht die Aussagen Jesu mit anderen Augen. Mit denen, eines ZEN-Lehrers. Sehr anschaulich erläutert er den ZEN-Gehalt des neuen Testamentes und fegt dabei ganz leise eine ganze Religion vom Tisch. Für mich ein Buch revolutionärer Erkenntnis.

No Comments

Post A Comment