Ein Stein auf meinem Herzen - 24notes
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Ein Stein auf meinem Herzen

Ein Stein auf meinem Herzen

Ein Stein auf meinem Herzen- vom Überleben des Holocaust und dem Weiterleben in Deutschland.

Ein Buch von Shlomo Birnbaum und Rafael Seligmannn, gebundene Ausgabe, 176 Seiten, 1.Auflage, Herder, 2016

Ein Stein auf meinem Herzen. Als ich den Titel dieses Buch las, fragte ich mich aus welchem Blickwinkel heraus es wohl geschrieben sein mochte: war damit die Schuld gemeint, der den Deutschen wie Steine auf den Herzen liegen sollte? Doch es war die Trauer gemeint, die Shlomo Birnbaum bis heute noch schwer in sich trägt. Die Trauer  um die Mutter, die Geschwister und Verwandten, um die Millionen Menschen, die dem Naziterror  zum Opfer fielen.

„Die Geschehnisse, die sich vor einem Menschenleben ereigneten, lassen mich nicht mehr los. Keine Nacht. Ich muss für den Rest meiner Tage damit leben. … ich habe mein Lachen verloren“

Dieses Buch erzählt die Biographie von Shlomo Birnbaum, niedergeschrieben von Rafael Seligmann aus den vielen Gesprächen, die Seligmann mit Birnbaum geführt hatte.

Nüchtern und ohne Pathos kommt dieses Buch daher, doch das Dargebotene ist grausam.

Mit einer nüchternen und ohne Pathos daherkommenden Sprache erzählt Birnbaum von seinem Leben und dem Überleben des Holocaust. Er berichtet von seiner Jugend in Polen und dem offenen Antisemitismus seiner polnischen Landsleute, mit dem es sich – nach Ansicht von Arie Birnbaum, Vater von Shlomo –  noch tausend Jahre hätte leben lassen können. Doch im September 1939 fallen die Nazis in Polen ein und beginnen mit der systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden.

„…du hast mich mal ausgelacht, mir gesagt, ich taug‘ nichts. Jetzt pass‘ ich auf euch Juden auf… Ich hab schon eine Medaille dafür bekommen.“ Das beeindruckt Vater wenig: „Die wirst du nicht fressen können nach dem Krieg.“

Shlomo erzählt von den vielen Kollaborateuren polnischer, litauischer oder ukrainischer Abstammung und von den Wenigen, die unter Lebensgefahr bereit waren, den Juden in ihrer Not zu helfen. Wir erfahren von dem entbehrungsreichen Leben in den Ghettos von Tschenstochau, von Hunger, der täglichen Lebensgefahr und von Shlomos Vater Arie, der mit seiner außergewöhnlich starken Persönlichkeit und Menschenkenntnis für das Überleben seines Sohnes gesorgt hat. Nach dem Krieg ist Arie ein gebrochener Mensch.

Die Seite 100.

Wenn ich Bücher auswähle, schlage ich immer die Seite 100 auf, um einen Eindruck über die Sprache und Spannung eines Buches zu erhalten. Warum ich das mache und nach welchen Kriterien ich beim Bücherkauf vorgehe, habe ich in meinem Blogbeitrag Die Qual der Wahl – wie ich meine Bücher auswähle näher beschrieben. Hier also ein Auszug der Seite 100:

Vater wagt es. Er kennt einen polnischen Polizisten aus der Zeit vor dem Krieg. Er redet offen mit ihm. Pass auf, ich weiß eine Stelle im Möbellager, da liegt Geld. Wenn wir Glück haben, sogar Gold…wir holen’s raus und teilen es uns. „ Wieviel?“, will der Pole wissen. Auch er riskiert sein Leben, wenn er sich mit Vater einlässt. „Zehntausende!“ „Gut, gehen wir!“

Nach dem Krieg kamen die Überlebenden der Familie Birnbaum nach Deutschland, in das Land der Mörder – kein Ort, an dem sie bleiben wollten. Ein Teil Birnbaums emigriert, seinem Vater zuliebe arrangiert sich Shlomo jedoch mit einer zur Dauer gewordenen Vorläufigkeit.

Lesenswert?

Dieses Buch ist kein Roman. Es erzählt die grausame Wirklichkeit. Trotz dessen ist es ein Buch der leisen, aber bedächtig gewählten Worte. Es zeugt von Charakterstärke, Weisheit, Großmut und Sinn für Gerechtigkeit. Es ist sicher keine leichte Kost, aber wert, mit Aufmerksamkeit  gelesen zu werden und darüber nachzudenken.

Buchempfehlung*

Ein Stein auf meinem Herzen – Ein Buch von Shlomo Birnbaum und Rafael Seligmann. Jetzt kaufen bei bücher.de

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